Gesundheit ein Gut und sein Preis – Kritik und mehr

Vorab

Das Buch des Gegenstandpunktverlages ist ein Stück kommunistischer Ideologie. Es behandelt den Gegenstand Gesundheit also vom Standpunkt eines Interesses – nämlich dem der Agitation für die Gegnerschaft gegen den Kapitalismus.
Ich habe aus Zeitmangel nicht alle Kritiken ausformuliert oder überhaupt im Text untergebracht. Dem Leser ist also vielleicht ein bisschen mehr eigenes Nachdenken abverlangt, wenn er die Gedanken nachvollziehen möchte und es ist auch hinsichtlich der Erklärung dessen, was Gesundheit ist mit dem Text kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Ich will einfach nur nicht mehr Zeit in die Kritik stecken, als ich es bis hierher getan habe. Es handelt sich also um ein Fragment.

Krankheit und Gesundheit allgemein

Unangenehm fällt am Buch auf, dass nicht deutlich gemacht wird auf welchen Inhalt sich die Kritik bezieht, wenn von Krankheit, Volkssseuchen, Medizin, Gesundheit die Rede ist.

Im Vorwort halten die Autoren beispielsweise fest:

“Wer heutzutage krank ist, der ist nicht mehr einem kaum beherrschten und noch weniger begriffenen Naturprozess ausgeliefert. Theoretisch ist schon ganz gut erforscht und wird mit großem Aufwand und einigem Erfolg weiter erforscht, was da abläuft im geschädigten Organismus” (S.3)

Bestimmt man, wie in diesem Satz geschehen, Krankheit als ‘Schädigung des Organismus’, dann liegt dem entweder direkt eine normative Vorstellung zugrunde, bei der man den ‘Schaden’ an einem Organismus durch einen Vergleich mit seiner unbeschädigten Version ermitteln würde oder aber eine instrumentelle, die den Organismus als Mittel für einen Zweck bestimmt, für den der kranke Organismus sich nicht (mehr) eignet. Im zweiten Fall ergibt sich indirekt die Norm, an der derjenige Organismus als krank klassifiziert wird, dessen biologische Funktion ihn als Mittel für den entsprechenden Zweck eben untauglich macht. Für sich funktioniert ein kranker Organismus nur anders als ein gesunder- und es ist damit eben eine Frage der Norm, an der dieses Funktionieren gemessen wird, welche Arten des Funktionierens als unerwünscht (krank) gelten und welche nicht.

Unmittelbar ergibt sich aus dieser Feststellung die Frage nach den gültigen Normen, an denen das Funktionieren des Organismus in der heutigen Zeit gemessen wird. In dieser Hinsicht sind zunächst einmal einige allgemeine Bestimmungen festzuhalten:

Da gibt es eine Norm, die das Induviduum selbst aufstellt: Der Mensch misst die Signale seiner Physis, die sich z.B. als Gefühle bei ihm einstellen an dem, was er von ihr gewohnt ist und merkt auf Abweichungen davon möglicherweise als Anzeichen einer Krankheit auf, die er dann konstatiert, wenn er sich nicht oder nur eingeschränkt in der Lage sieht seine Zwecke aufgrund des aktuellen Zustandes seines Organismus weiter zu verfolgen. Alle anderen Signale seines Organismus nimmt er als bloße (manchmal auch schmerzhafte) Veränderungen wahr (Wachstum z.B.), da sie ihn hinsichtlich seiner Vorhaben eben nicht weiter einschränken.

Da das Individuum seine Zwecke in einem gesellschaftlichen Zusammenhang verfolgt, gewinnt letzterer (also die Gesellschaft) ein Interesse an dieser Unterscheidung. Einerseits deshalb, weil kranke Individuen für den gesellschaftlichen Zusammenhang ausfallen und andererseits, weil manche als Krankheiten klassifizierten unerwünschten Zustände des Organismus die Tendenz haben sich auszubreiten und deshalb vom Standpunkt der Erhaltung der Funktion der Gesellschaft unter Kontrolle gehalten werden müssen. Da es in beiden Fällen darauf ankommt die unerwünschten Zustände, wenn sie schon eingetreten sind, schnellstmöglich zu überwinden (womit dem Individuum ja entsprochen wird) bzw. ihre Ausbreitung zu vermeiden, organisiert die Gesellschaft die Pflege der Kranken.
Die Frage ist nur: Wie macht man das?

Und um diese Frage kümmert sich dann der entweder zufällig stattfindende, auf Erfahrung basierende oder eben der gesellschaftlich organsisierte Wissenserwerb über solche als krank (unerwünscht) klassifizierten Zustände des menschlichen Organismus und der Bereich, in dem die jeweilige Gesellschaft Pflege und Wissenserwerb organisiert fungiert als ihr Gesundheitswesen, das zusätzlich noch um den Standpunkt der Prävention solcher unerwünschten, kranken Zustände (Hygiene, Notfallpläne im Seuchenfall etc…) ergänzt wird, der sich naheliegend aus dem Interesse der Reproduktion der Gesellschaft ergibt.

Von obigen Notwendigkeiten ist keine Gesellschaft ausgenommen. Ob alle Elemente in allen Gesellschaften immer auch gesellschaftlich organisiert worden sind oder engagierten Individuen überlassen blieben, ob sie ein Ergebnis bitterer Lektionen waren, die man immer wieder durchleben musste, tut dabei nichts zur Sache.

Die obigen Zusammenhänge werden nun durch die Zwecke, die in den jeweiligen Gesellschaften gelten weiter normiert d.h. was als krank und was als gesund gilt, wird auf der Seite des Individuums durch den herrschenden Zweck modifiziert und der herrschende Zweck selbst scheidet unabhängig von der Beurteilung ihres eigenen Zustandes als krank oder nicht, die Individuen hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit in Kranke und Gesunde. Das ist sehr abstrakt formuliert und wird desalb im Folgenden für den Kapitalismus ausgeführt. Vorher ist aber noch genauso abstrakt festzuhalten, dass es die Gegensätzlichkeit der in der Gesellschaft geltenden Zwecke und die damit verbundenen zusätzlichen Normierungen sind, an denen die Kritik eben dieser Normen ‘Krank’ und ‘Gesund’ ansetzen muss. Irgendetwas davon kommt auch im Text des Buches vor, allerdings völlig befreit von jeglichem Hinweis darauf worüber da eigentlich geredet wird. Man merke auf: Das Buch heißt – “Gesundheit ein Gut und sein Preis” – und der Gegenstand, um den es da gehen soll, wird nirgends richtig erklärt! Und es werden – vermutlich deshalb – im Buch auch Dinge vergessen, die weiter untem ergänzt werden, falsche Behauptungen aufgestellt, es wird projiziert, zum Glauben aufgefordert etc… So geht das eben, wenn man buchstäblich und im wahrsten Sinne des Wortes begriffslos Kritik üben will.

Die modernen Volksseuchen / moderne Krankheitsbilder (7-14)

Wenn man von “modernen Krankheitsbildern” redet, dann bestimmt man das Kranksein in der heutigen Zeit als einen bestimmten Typus, dessen Notwendigkeit man herausarbeiten möchte. Dementsprechend ist das Kapitel in 2 Abschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt werden besagte Krankheitsbilder (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Allergien, Typ II Diabetes, Muskel- und Skeletterkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, psychische- und psychosomatische Störungen, Demenz) einschließlich ihrer mediznischen/physiologischen Ursachen erläutert und im zweiten Abschnitt wird versucht zu begründen, warum der national verfasste Kapitalismus die Ursache dafür sei.

Kein Wort verliert das Kapitel (wie auch das restliche Buch) darüber, was diese Zustände des Organismus zu Krankheiten macht d.h. woran diese Zustände eigentlich normiert werden, wenn sie als krankhaft klassifiziert werden. Und da gilt in einer Gesellschaft, in der der Großteil der Bevölkerung das eigene Arbeitsvermögen mangels Alternative als Eigentum behandelt und einem “Arbeitgeber” zur Anwendung überlässt, weil es genau darauf ankommt, eben die Arbeitsfähigeit als Norm. D.h. gesund ist, wer arbeiten kann. (historisch moralisches Element mal ausgenommen, siehe dazu Kapital Bd. 1). Dazu kommen noch reproduktive und sittliche Normen. Es mag ja sein und ist sicher so (mit Einschränkung vielleicht bei bestimmten psychischen Erkrankungen und bestimmten Formen der Demenz) , dass die von den oben erwähnten Krankheiten Betroffenen auch über sich das Urteil haben, dass sie krank seien. Nur ist das nicht das Kriterium nach dem diese Krankheiten gesellschaftlich festgestellt werden. Individuell mag man sich für krank halten, entscheidend ist aber nicht dieses individuelle Verhältnis zum eigenen Organismus, sondern das, was die Gesellschaft zu ihm einnimmt, weshalb man aus der Perspektive des Einzelnen die Selbstdiagnose immer noch durch die Gesellschaft anerkannt bekommen muss. Z.B. werden Behinderte darüber häufig in eine jahrelange Auseinandersetzung mit Behörden um die Anerkennung ihrer Krankheit (Behinderung) verwickelt. Ist die Krankheit anerkannt, stimmen gesellschaftliche und individuelle Diagnose überein.

Es ist also festzustellen, dass das Buch nicht nur daran scheitert den Gegenstand, den es vorgibt zu behandeln auch mal begrifflich zu fassen, sondern bei der Herausarbeitung des Typus der Gesundheit oder Krankheit, der zum Kapitalismus gehört, geht es selektiv (und falsch) vor. Das ist also nicht das für den Kapitalismus typische “moderne Krankheitsbild”, sondern eine Auswahl anerkannter Krankheiten, die den Autoren scheinbar vor die Füße gefallen sind. Das lässt auf ein gegenstandsfremdes, die Selektion bestimmendes Interesse schließen, auf das gleich hingewiesen wird. Warum diese Vorgehensweise falsch ist, ist oben erklärt: Der normative Standpunkt, der im Urteil “krank” steckt wird zu einer quasinatürlichen Erscheinung verklärt, indem die gesellschaftlichen Diagnosen unreflektiert als Belege wiedergegeben werden. Schließlich sind es nur die anerkannten Krankheiten, die da zum Beweis für die Autoren herhalten sollen.

Das Thema des Buches ist also nicht “Gesundheit ein Gut und sein Preis”, sondern man sieht hier schon, dass es eine Auswahl von Erscheinungen ist, die mit “Krankheit” und “Gesundheitswesen” zu tun haben und die zusammengestellt worden sind, um den Kapitalismus als Ursache davon vorstellig machen zu können. Es handelt sich bei dem Buch also nicht um einen Text, der erklärt was Gesunheit ist und wie sie im Kapitalismus vorkommt, sondern um eine Sammlung von Beispielen, die sich auf eine nicht näher bestimmte Vorstellung von Gesundheit bzw. Krankheit bezieht, wobei mit dem bloßen Gestus der Aufklärung versucht wird antikapitalistische Stimmung zu verbreiten.

Beweisführung

Dementsprechend sieht dann die Beweisführung des Buches auch aus, gegen die an 2 Beispielen Einwände erhoben werden sollen:

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

“…sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach wie vor in Deutschland […] für 41 Prozent aller Todesfälle verantwortlich.” (S.7)

Die Grundlage dieser Erkrankungen (Bluthochdruck) wird (wie ich als Nichtmediziner einfach hinnehme) im darauf folgenden Absatz erklärt. Das Ergebnis ist dabei:

“Ist die Erregung und die daraus folgende Blutdruckerhöhung aber dauerhafter Natur, dann reagieren die Gefäße in der Kreislaufperipherie selbst mit einer Engstellung sowie Gefäßverdickung und “fixieren” schließlich so den hohen Blutdruck, machen ihn also irreversibel, unabhängig von der tatsächlichen Belastung.” (S.7)

Wichtig ist hier zur Kenntnis zu nehmen, dass der durch dauerhafte Erregung induzierte krankhafte Bluthochdruck so zustande kommt. Medizinisch ist die Ursache des krankhaften Bluthochdrucks laut der obigen Argumentation aber lediglich die Engstellung und Gefäßverdickung der Gefäße der Kreislaufperipherie. Auslöser einer Bluthochdruckerkrankung kann also alles sein, was zu so einer Engstellung und Gefäßverdickung der Gefäße der Kreislaufperipherie führt. Und da fallen mir als Nichtmediziner, der Google bedienen kann sofort 2 Dinge ins Auge, die gleichfalls zu Bluthochdruck führen können, nämlich die altersbedingt nachlassende Elastizität der Blutgefäße und die im weitesten Sinn stoffwechselbedingte vorzeitige Gefäßalterung (Ernährung, Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel etc..).

Die Frage nach den Ursachen der Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird dann im Buch mit (zusammengefasst) Krankheitsursache Kapitalismus beantwortet. Die Umstände also, unter denen die Arbeitskraft der Lohnarbeiter im Verwertungsprozess angewandt wird (Intensität der Arbeit, ständiger Zeitdruck etc…) sollen Ursache dieses hohen Anteils von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei den Todesursachen sein.

Was ist die Zusammenfassung der Argumentation? Die Leute sterben mehrheitlich an Herz-Kreislauf-Krankheiten, weil sie im Kapitalismus leben. “Bewiesen” wird das darüber, dass man alle Ursachen, die gleichfalls zu Bluthochdruck führen und die nichts mit dem Kapitalismus zu tun haben einfach weglässt (es sei denn es gibt im gesellschaftlichen Ideal der Autoren keine Gefäßalterung mehr).
Weiterhin führt der letzte Gedanke zu einem zweiten Einwand gegen diese “Beweisführung”:

Wenn der medizinische Fortschritt in den Industrieländern die historischen Todesursachen eliminiert, weil z.B. Seuchen ausgerottet werden oder es Mittel gibt, die es älteren Menschen ermöglichen Infektionskrankheiten zu überstehen, an denen man früher einfach gestorben ist, dann bedeutet das hinsichtlich des Sterbens lediglich, dass später und eben an anderen Todesursachen gestorben wird.
Geht man davon aus, dass es sowas wie ein biologisches Potential gibt, das einem Menschen ein maximales Lebensalter vorgibt, dann sterben die Leute nach Überwindung aller externen Ursachen irgenwann einfach am Versagen ihrer Innereien. Das lässt mich die Prognose wagen, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit zunehmendem medizinischen Fortschritt auch ohne die “Krankheitsursache Kapitalismus” wg. Gefäßalterung einen sehr hohen Anteil an den Todesursachen ausmachen werden.

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen (und das will diese Kritik auch nicht), dass die Anwendung kapitalistischer Arbeitskräfte, der Dauerstress, dem sie ausgesetzt sind und die sich daraus ergebenden Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten gesellschaftliche Auslöser von Bluthochdruckerkrankungen sind . Man kann aber nicht hergehen und den Bluthochdruck bzw. die Häufigkeit der Todesursache Herz-Kreislauf-Erkrankung zu einem gesellschaftlichen Problem verklären wollen. Teilweise mag das zutreffen, ja. Das Buch lädt mit seiner Argumentation (durch interessierte Weglassung) aber dazu ein zu glauben, dass man an diesen Krankheiten vorbeikäme oder dass sie auch nur weniger würden, wenn man sich des Kapitalismus entledigte. Dem soll ausdrücklich widersprochen werden. Welchen Anteil Herz-Kreislauf-Erkrankungen an den Todesursachen in einer vernünftigen Gesellschaft haben, ob der größer oder kleiner ist, kann schlicht und ergreifend nicht bestimmt werden. Die Überwindung der Lohnarbeit schafft nur die Ausbeutung und damit eben die dadurch erzeugten Auslöser von Herz-Kreislauf-Krankheiten ab, nicht aber diese Krankheiten selbst oder ihre Häufigkeit. Zur Kritik der aktuellen Verhältnisse ist es völlig ausreichend festzustellen, dass es gesellschaftliche Auslöser dieser Krankheiten gibt.

Krebs und Allergien

Für Krebs als Todesursache gelten zunächst einmal die oben bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen gemachten Einwände:
Die Zellteilung läuft nicht ohne Fehler ab d.h. die Wahrscheinlichkeit dass sich Krebszellen bilden steigt mit der Anzahl stattgefundener Teilungen, also zunehmendem Alter und das Immunsystem wird schwächer. Beides zusammen ergibt eine mit dem Alter zunehmende Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken. Abschaffen kann man ihn also nach aktuellem Stand der Medizin nicht.

Es kommen noch Einwände hinzu, die auch für Allergien gelten und die sich auch für Demenz und versch. psychische Erkrankungen, Muskel- und Skeletterkrankungen etc… ähnlich formulieren lassen:

Die Argumentation der Autoren ist, dass die Freisetzung von Allergenen bzw. Karzinogenen durch den Kapitalismus bedingt ist, er also damit Ursache der Häufigkeit dieser Krankheiten ist. Diesem reduktionistischen Gedanken soll widersprochen werden.

Dass Umgebungseinflüsse auf die Physiologie allergieauslösend bzw. karzinogen wirken, hat etwas damit zu tun, woran sich die menschliche Physiologie im Lauf ihrer Evolution angepasst hat. Sie ist Resultat der Anpassung an das Jagen und Sammeln und der Kontakt mit allem anderen ist deshalb für sie problematisch. Wenn man daher dem Kapitalismus unterstellt, dass er der Verursacher der Allergene und Karzinogene sei, unterstellt man gleichzeitig, dass seine Überwindung das Ende dieser gesundheitsschädigenden Stoffe wäre. Davon kann aber mitnichten die Rede sein, es sei denn, man kehrt zu der Lebensweise zurück, an die der menschliche Körper evolutionär am besten angepasst ist. Sogar die neolithische Revolution müsste man rückgängig machen, um die Allergen- und Chemikalienbelastung wieder auf das Niveau bringen, das diesem Organismus entspricht, d.h. an dem er sich gebildet hat. Zöliakie oder Laktoseintoleranz sind nämlich Krankheiten, die dort ihren Ursprung haben.
Es geht dem obigen Gedanken nicht um quantitative Verhältnisse (Zöliakie haben 0,5 % der Bevölkerung – nach 10000 Jahren Auslese auch kein großes Wunder), sondern es soll herausgestellt werden, was an der Argumentation der Autoren verkehrt ist. Die Produktionsmittel, Teile der Lebensweise, der Gegenstände, die man benutzt, die kulturellen und technischen Errungenschaften vorheriger Gesellschaften (z.B. Papier, Computer, Eisenbahn, Schiffahrt, sesshaftes Leben, Produktion mit geringer physischer Anstrengung, Linzer Torte etc…), die möchte man selbstverständlich in einer vernünftigen Gesellschaft auch haben! Und damit ist eben schwer die Frage, ob man auf die Anreicherung der Umwelt mit Allergenen und Karzinogenen, die auch im Nahrungskreislauf und im menschlichen Organismus verteilt werden, wirklich verzichten kann. Das hängt an 2 Größen: einerseits muss es wirklich Technologien geben, die ohne die Produktion solcher Stoffe auskommen bzw. es ermöglichen sie von Menschen fern zu halten und andererseits muss man schlicht und ergreifend um die Wirkung dieser Stoffe wissen. Hat man einmal erkannt, dass man vom Kapitalismus auch etwas behalten möchte, dass eine vernünftige Gesellschaft also auf ihm aufbaut und ihn nicht restlos beseitigt, dann kann man auch die Frage beantworten, worin der Kapitalismus als Emittent von Karzinogenen und Allergenen kritikabel ist. Nämlich darin, dass der durchgesetzte, öffentliche Standpunkt der „Gesundheit“ eben den Erhalt der Arbeitsfähigkeit, der Reproduktionsfähigkeit etc… zum Inhalt hat. Und vor dem ist ein gewisses Maß an Karzinogenen und Allergenen eben vertretbar, solange im gesellschaftlichen Durchschnitt das Arbeitsvermögen (das Eigentum der Lohnarbeiter), die Reproduktionfähigkeit (aus sittlichem und nationalem Interesse) nicht in Frage stehen etc… Das Kriterium dafür, was als „gesund“ gilt ist also das spezifisch Kapitalistische (und Kritikable) und das steht in einem Gegensatz zur individuellen Auffassung der Gesundheit.

Gesundheitsursache: Kapitalismus

Dass es einen gesellschaftlich durchgesetzten Standpunkt von Gesundheit und Krankheit im Kapitalismus gibt macht ihn darüber hinaus nicht nur zu einer Krankheitsursache, auf die man sich als interessierter Kapitalismuskritiker vielleicht stürzen mag. Man übersieht ihn nämlich darüber als bislang in ihren Leistungen historisch unerreichte Gesundheitsursache! Darum ist es dem Staat als ideellem Gesamtkapitalisten nämlich zu tun! Er will also, dass Arbeitsvermögen und Reproduktionsfähigkeit und was er sonst noch an sittliche Anforderungen an das Funktionieren der Physis seiner Untertanen hat, erhalten bleiben! Und die Untertanen wollen das auch! Und in keiner Gesellschaft bisher konnte man länger und intensiver arbeiten, in höherem Alter Kinder bekommen usw…. Dafür organisiert er, soweit er privat nicht zustande kommt, den medizinischen Wissenserwerb und ein Gesundheitswesen mit Krankenhäusern, Kurkliniken, ambulanter Versorgung etc.. Und er hat es damit so weit gebracht, dass selbst der im Kapitalismus nichts zählende individuelle Gesundheitsstandpunkt als Abprodukt davon profitiert hat. Mit dem (auch im Buch benannten) Standpunkt die Belastungen eines Arbeitslebens aushaltbar zu machen d.h. die Überlassung des eigenen Arbeitsvermögens gegen Entgeld an ein Geschäftsinteresse für die Lohnabhängigen so zu gestalten, dass man z.B. selbst mit 67 Jahren und noch älter noch arbeitsfähig ist, ist die Vorgabe für die- und der Gegenstand der medizinischen Forschung und Betreuung benannt. Darum dreht sich alles, das ist die Voraussetzung für Lebensqualität im Kapitalismus.

Helfen und Heilen

Allgemein ist festzustellen, dass medizinische Betreuung sich nie anders als eine Betreuung des Gangs der jeweils geltenden Zwecke verwirklicht und insofern ist die Kritik des Buches an der Medizin auch verkehrt. Ein Mannschaftsarzt einer Fußballmannschaft oder von mir aus ein kommunistischer Arzt entscheiden nicht über die Zwecke, die einer Fußballmannschaft oder einer kommunistischen Partei, die sich anschickt den Klassenfeind klassenzubekämpfen, zugrundeliegen. Insofern wäre es Irrsinn, wenn der Mannschaftsarzt dem Stürmer bei einer Verletzung empfehlen würde das Fußballspielen sein zu lassen, oder der kommunistische Arzt den vom Tränengas geschädigten Demonstranten empfehlen würde doch solche Menschenansammlungen zwecks Vermeidung von Verätzungen großräumig zu umgehen. Beide Ärzte heilen und helfen d.h. suchen die Gesundheit ihrer Patienten als Grundlage der Zwecke, die sie so haben und unter Absehung davon wiederherzustellen, weil die Beteiligten sich nach ganz anderen Kriterien als denen des Arztes eben für ihre jeweiligen Zwecke entschieden haben. Diesen Irrsinn verlangt das Buch aber von den Ärzten dieser Gesellschaft. Die sollen sich nicht als Ärzte, sondern wie Mitglieder der kommunistischen Vereinigung der beiden Autoren benehmen und die Abschaffung des Kapitalismus als sowas wie eine Therapie für die Krankheiten ihrer Patienten auffassen. Nur ist das Problem dabei eben, dass kein Mensch mit einer Fußballverletzung zum Arzt kommt und bei dem die Abschaffung der Fußballspiels als Behandlung seiner Verletzung verlangt. Einerseits nützt ihm das nichts, weil er ja schon verletzt ist und andererseits möchte er seine Gesundheit als Grundlage dafür wiederhergestellt bekommen.
Was die Autoren verlangen ist, dass die Ärzte sich zu Anwälten der Gesundheit ihrer Patienten machen und das hieße sich ideell in die Pose zu werfen für sie zu entscheiden, wofür sie gesund sein wollen. Da die Ärzte dem Patienten überhaupt keine Zwecke vorgeben wollen oder können (lies‘ doch mal was; zieh‘ in den Klassenkampf; geh‘ spazieren; arbeite und werde reich oder spiele Fußball), hat die Vorstellung von Gesundheit die dabei herauskommt eben die Funktion der Physiologie zum Inhalt. Gesund ist dann derjenige, dessen Physiologie funktioniert d.h. das ideale Funktionieren ist die Norm für das reale Funktionieren der Physis. Sowas kann man überhaupt nicht leben! Da müsste man auf einem Luftkissen herumschweben, den ganzen Tag Gemüse essen und alle 20 Minuten Zähne putzen. Dazwischen die Muskeln so trainieren, dass man sie weder über- noch unterbeansprucht etc… Das wäre ein Leben wie eine optimal ernährte Zellkultur.

Über den Rest des Buches….

….möchte ich mich nicht äußern. Es lohnt sich mit dem Interesse an Erklärungen nicht das Buch zu kaufen.

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